Leseprobe

Vorwort

Die   Vergangenheit   ist   nicht   tot,   sie   reicht   bis   in   die Gegenwart und weiter in die Zukunft.

Verleugnen, verdrängen und verschweigen, die seelischen Trümmer des Kriegstraumas wirkten als Schatten auch in meinem Leben als Nachkriegskind.

Kriegserlebnisse wurden bei uns zu Haus nicht erwähnt. Heute weiß ich, dass sie in unserer Familie weiterleben und fortwirken. Welche Geheimnisse waren das, die da gehütet werden sollten? Was bedeutete das Schweigen in unserer Familie? Welche Bilder des Krieges wurden an uns weitergegeben − und welche nicht? Es gab keine Antworten auf unsere Fragen.

Wenn die Waffen schweigen, ist der Krieg noch lange nicht zu Ende.

Unverarbeitete Kriegserlebnisse, das Schweigen darüber haben unsere Familie geprägt und letztlich entzweit, meinen Bruder aus dem Haus vertrieben. Sie wirkten auch in meiner Generation als Nachkriegskind nach, denn offen reden konnten wir nicht darüber, und so blieben selbst die Enkel einbezogen. Der Sohn meines Bruders, Toke, hat seine Großeltern so gut wie gar nicht gekannt.

Wir alle tragen dies belastende Erbe mit uns herum und geben es weiter, wenn wir nicht zur Versöhnung bereit sind. Genforscher stoßen zunehmend auf Hinweise, dass sich das Erbgut durch traumatische Erlebnisse auch dauerhaft verändert.

Meine Eltern haben ihre Erfahrungen in sich eingekapselt und damit versucht, diese vor sich und anderen zu verbergen. Sicher wollten sie andere nicht belasten und schwiegen auch deshalb. Das ist menschlich verständlich und entsprach ihrer Vorstellung von Fürsorge ebenso wie das übergroße Sicherheitsbedürfnis für uns. Aber gerade das Schweigen sorgte dafür, dass die Traumata mit nachhaltigen Folgen weitergegeben wurden.

Dieses Buch soll ein Versuch sein, den Prozess der Vergebung einzuleiten und weiterzuführen. Meine Eltern waren nicht nur Täter, sondern auch Opfer der Geschichte. Ich möchte versuchen, die unüberwindlichen Schwierigkeiten in Zusammenhang mit den verschwiegenen Kriegs- erlebnissen und Kriegserfahrungen der Eltern zu überwinden und die Familiengespenster aus dem Schatten zu locken, damit sie keine Verwirrung mehr anrichten können. Die Kette der Trauma – Weitergabe muss unterbrochen werden, damit nicht auch noch unsere Enkel unter den Kriegsfolgen leiden müssen.

Dieses Buch ist ein Teil meiner Lebensgeschichte, es gibt einen Einblick in mein Leben als Nachkriegskind von 1948 und möchte einen Beitrag dazu leisten, den Frieden der Nachkommen zu sichern.

Vielleicht gelingt es mir, dem Leser und der Leserin Anregungen zum Überdenken der eigenen Familiensi- tuation in jenem historischen Zeitabschnitt, der Nach- kriegszeit, zu geben und neu darauf zu schauen. Nicht die Frage der Schuld ist wichtig, sondern das Verstehen und die Bereitschaft zur Verantwortung für das eigene Leben.

Ich danke allen, die dies Buch möglich gemacht haben, die mich unterstützt und mir immer wieder Mut gemacht haben. Ganz besonders meiner Lehrerin Hedwig Epping und meinem Lehrer Hans Wellenbrink, sowie meinem Freund Matthias Hauke für die Buchgestaltung und Dr. Ulrich Kahmann für sein Einfühlungsvermögen und fachkompetentes Lektorat.

Bielefeld, im Oktober 2016